"Lesen gegen das Vergessen" erinnert an Autorinnen

| Bielefeld (bi)

Die Initiative „Lesen gegen das Vergessen“ erinnert in diesem Jahr zum elften Mal an Autorinnen, deren Werke im Frühjahr 1933 für lange Zeit in den Flammen verschwanden und in der Zeit des Nationalsozialismus ausgegrenzt, vertrieben und ermordet wurden. Sie lässt auch wieder Autorinnen zu Wort kommen, die in ihren Herkunftsländern verfolgt oder ins Exil getrieben wurden. Mitglieder des Künstlerinnenforums bi-owl e.V., engagierte Bielefelderinnen sowie Schülerinnen der Labor- und der Hans-Ehrenberg-Schule lesen an zwei Tagen prägnante Texte und Gedichte der fast vergessenen Dichterinnen, Autorinnen und Publizistinnen.

In der Stadtbibliothek heißt am Donnerstag, 10. April, das Motto „Widerstand in Europa – Platz für jedes freie Wort“. Erinnert wird an die in Bielefeld aufgewachsene Autorin Karen Gershon, die 1938 mit einem Kindertransport ihre Heimat verließ. Über Widerstand in Deutschland in den von den Nazis besetzten Gebieten schrieben Lili Körber, Irene Gut Obdyke, Dinah Nelken, Lili Ebert, Gertrud Baumgartner, Lisa Fittko, Hilde Coppi, Vera Kohnova und Lenka Reinerová. Zum Gedenken an die Opfer von Euthanasie und Zwangssterilisation wird ein Text von Dorothea Buck gelesen. Dazu kommt ein Gedicht von Mascha Kaléko. Von Marina Weisband ist ihre Rede zu hören, die sie 2021 im Deutschen Bundestag zum Holocaustgedenktag gehalten hat. An aktuellen Stimmen zu Flucht und Vertreibung werden Texte der Exilsyrerin Lina Atfah und der jungen Ukrainerin Yeva Skalietska gelesen.

Unter dem Motto „Zeitgemäße Ansprache – Wie kommt es, dass wir noch lachen“ werden am Donnerstag, 8. Mai, vor dem Alten Rathaus kurze Texte und Gedichte gelesen von Else Lasker-Schüler, Mascha Kaléko, Ilse Weber, Adrienne Thomas, Hannah Höch und Lili Ebert. Die in Paderborn lebende ukrainische Lyrikerin Rosa Marusenko liest eigene Gedichte vor.

Historischer Hintergrund: Bücherverbrennung in Bielefeld und Deutschland

Am 10. Mai 1933 organisierte in Berlin und anderen Orten der Verband Deutsche Studentenschaft die Bücherverbrennungen. Die Fotos davon haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. In Bielefeld fand eine erste Bücherverbrennung schon fast zwei Monate früher  am 13. März –  statt. Sie war hier Bestandteil der radikalen Verfolgung aller Nazi-Gegner und ihrer Organisationen sowie der Vernichtung ihrer Symbole unmittelbar nach den letzten freien Wahlen vom 5. März 1933. Die geschmähten Autorinnen und Autoren verloren ihre Existenzgrundlagen und ihre sozialen Beziehungen, wurden ins Exil vertrieben, deportiert oder ermordet. Innerhalb von drei Wochen wurden im Mai vor 92 Jahren etwa 10.000 Zentner gedruckte Literatur beschlagnahmt und mehr als 3.000 verschiedene Bücher öffentlich vernichtet. 

Die Aktion „Lesen gegen das Vergessen“, die einst Mitglieder des Künstlerinnenforums bi-owl und zivilgesellschaftliche Gruppen ins Leben riefen, erinnert mit Lesungen an die doppelte Diskriminierung der mehr als 200 von den Nazis verfolgten und ermordeten Dichterinnen, Autorinnen und Publizistinnen. Sie alle hatten es schwer, sich in einer männlich dominierten Kulturszene durchzusetzen. Ihre Werke sind für lange Jahre, häufig bis heute, in Vergessenheit geraten.